CD-Rezension / Review / Kritik

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stewart walker ivory tower broadcast

Stewart Walker
„Ivory Tower Broadcast“
(Mundo Recordings/Rough Trade)
Wenn jemand seine Gitarre verkauft, ist es das in der Regel gewesen mit dem Musikerdasein. Bei Stewart Walker liegt der Fall anders: Der aus North Carolina stammende Amerikaner kaufte sich vom Erlös der Sechssaitigen Drummachine und Synthesizer und wandte sich dem Minimal Techno Detroiter Spielart zu. Schnell wurden Qualitätslabels wie Minus, Mille Plateaux und Tresor auf Walker aufmerksam, am Ende verschlug es ihn nach Berlin. Seine bisherigen sechs Alben legen allesamt Wert auf Atmosphäre und Abwechslung statt auf den sturen Wumms. Auf „Ivory Tower Broadcast“ ist das nicht anders. In seinem Elfenbeinturm muss Walker jedenfalls Unmengen an Tonträgern aus elektronischer Klangerzeugung und zahlreiche genrefremde Instrumente horten, aus denen er seine stimmungsvollen Midtempo-Tracks zusammenschraubt beziehungsweise -samplet. Die elf Stücke erinnern oft an Genreprimus Richie Hawtin alias Plastikman, wenn der vor den Aufnahmen Substanzen inhaliert hätte: Zwischen die verschlungenen Rhythmen schieben sich immer wieder Akustikgitarren und knorrige Bassläufe. „Exits Have Been Chained (For Security)“ oder „Feeling Of Reeling“ wiederum rekapitulieren die Phase von Scorn, in der sich das Mick Harris-Projekt im fließenden Übergang von Downbeat und Dub hin zum Ambient befand. Alles im Fluss ist auch auf „Ivory Tower Broadcast“ – und zwar ohne dass man sich einen Rucksack aufsetzen müsste, der Bässe simuliert.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 10/2014.