CD-Rezension / Review / Kritik

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fka twigs lp 1

FKA Twigs
„LP1“
(Young Turks/XL Recordings/Beggarsgroup/Indigo)
Tahliah Barnett alias FKA Twigs verdankt ihren Künstlernamen ihrer grazilen Statur und der Fähigkeit, ihre Gelenke und Knochen quasi auf Knopfdruck zum Knacken zu bringen. Nur zwei EPs waren nötig, um die Britin zum nächsten großen Ding zu machen: Den Song „Papi Pacify“ fand Anna Calvi kürzlich so toll, dass sie ihn coverte, und FKA Twigs’ Debütalbum gehört zu den meistantizipierten Platten des Jahres. Von TripHop für ein neues Zeitalter oder Witch House ohne House war genauso die Rede wie von clubbigem The xx-Shoegaze oder dem Neo-R’n’B von Disclosure. Doch Genregrenzen lösen sich schnell auf bei diesen zehn minimalistisch elektronischen Songs, zu denen man sich am besten vorstellt, wie FKA Twigs als eigentümliche Kunstfigur zwischen Kindchenschema und gestrenger Pharaonin durch ihre Videos geistert. Der charmante Widerspruch dieser rhythmisch-körperlosen Musik liegt in der Tatsache begründet, dass in ihr auch immer unterschwellig körperliche Freuden mitschwingen – oder in Zeilen wie „If I trust you we can do it with the lights on“ oder „I touch myself and say I make it my own damn way“ sogar ganz explizit im Vordergrund stehen. Aber Vorsicht: Trotz aller Reize weiß FKA Twigs genau, was sie will und was nicht, und die zahlreichen „motherfucker“-Einwürfe in der Single „Two Weeks“ verdeutlichen, dass man der Gutesten auf keinen Fall dumm oder gar sexistisch kommen sollte – andernfalls knacken die Knochen vermutlich woanders. Vergnügen wir uns stattdessen lieber mit diesem hinreißend schwerelosen Album.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 09/2014.

Thursday the 17th.
2017 Sonic Seducer Magazin

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