Review
Artist: LAIBACH
Titel: Musick
- Artist: LAIBACH
- Label/Vetrieb: Mute
„Hast du Töne, hast du Musik“, wussten die Mainzelmännchen bereits 1981 auf ihrem Erfolgsalbum „Hitparade“. Als sich ungefähr zur selben Zeit in Trbovlje / Slowenien einige hoch ambitionierte Jungspunde zu einem einzigartigen Kollektiv formierten, konnte freilich noch niemand erahnen, dass deren Ausläufer viereinhalb Dezennien später erneut die Frage nach dem wahren Wesen der Musik aufwerfen würden. Allerdings war inzwischen längst davon auszugehen, dass man es sich im Hause Laibach bei der Auseinandersetzung (und der lieben Not) mit Tante Euterpe weniger leicht machen würde als dereinst die Kollegen aus Mainz-Lerchenberg. Schon das bescheidene Wortspiel des Albumtitels deutet die Tragweite des Dilemmas an: gefangen zwischen der in zunehmendem Maße auch mit (aber noch nicht gänzlich von) KI generierten, vollkommen inflationären Übersättigung des popmusikalischen Angebots sowie der „pathologischen Ergebenheit“ gegenüber dem offenbar unausweichlichen Zwang, auch selbst immer weiter neue Musik (und stets spannende Kontextualisierungen) erschaffen zu müssen. Dass Laibach beim Vermittlungsversuch mit der ihrer DNA entsprechenden Vehemenz diesmal fast ausschließlich auf die Posen und Stilmittel von frivolem Eurodance oder überzüchtetem K-Pop setzen, muss man nicht auf Anhieb gutheißen, ergibt aber in vielfacher Hinsicht Sinn. Wie schon damals, als die Slowenen einer Knallschote wie „Live Is Life“ zu Leibe rückten, unterwandern sie auf „Musick“ den heutigen Hyper-Pop samt seiner bombastischen Manierismen und glamouröse Grauzonen bemühenden Effekthaschereien. Das Problem (wenn man es denn als solches bezeichnen möchte) ist nur, dass sich der Aufgriff von Originalen (wie noch bei „Life Is Life“) nicht mehr lohnt, da die völlige Austauschbarkeit der Sujets signifikante Zuordnungen ausschließt. Da kann man ja auch lieber gleich selbst Originale im großen Stil fabrizieren, dabei ‒ bei Wolfgang Amadeus Mozart beginnend ‒ zitierend ausschweifen und mithilfe sachdienlicher Unterstützung (Richard X, Wiyaala, einheimische Szenestars) ein Album kreieren, das unbeseelter Massenware in mancherlei Dimension überlegen ist. Zur Abwechslung vom auf Laibach-Manier durchpulsten Hochglanzgetöse gibt es lediglich den bereits bei „Love Is Still Alive“ erprobten Electro-Country („Luigi Manonegi“). Und zum Abschluss mit dem erratischen „Das göttliche Kind“ einen Hinweis darauf, wie KI-Musik klingen könnte, wenn sie nicht länger nur das Antrainierte kopiert. Möglicherweise visionär, vielleicht aber auch nur die Gewissheit des Ungewissen statuierend. Die Mainzelmännchen konnten sich hingegen noch sicher sein: „Der Mann im Mond trägt keine Brille“.
Stephan Wolf
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