CD-Rezension / Review / Kritik

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drawing circles sinister shores

Drawing Circles
„Sinister Shores“
(Eat The Beat Music/Rough Trade)
Zu einem wie der Ewigkeit abgerungenen, pluckernden Beat gesellt sich ein Gitarrenriff, das sofort und unmissverständlich klar macht: Beim Folgenden wird es sich um reinen Wildhonig für schwerblütige Gemüter handeln. Doch wenn nach 27 Sekunden die Stimme des Vincent Alex einsetzt und direkt in sämtliche Herzkammern fährt, wird deutlich, in welch hohem Maße die edle Süße mit Bitterstoffen versetzt wurde. Spätestens beim zweiten Titel („Little Lies“) wird mit jeglichem Anflug der Verzärtelung ein kurzer, aber schmerzhafter Prozess gemacht: Die Stimme, eben noch in sanftes Schwelgen gebettet, bricht - und ein grässlich beklemmender Sturm aus Entrüstung, Verzweiflung und legitimem Selbstmitleid los. Wollte man die Eindrücke weiterhin beschreiben, die „Sinister Shores“, das Debütalbum des Bonner Trios Drawing Circles auslöst, nähme der Tag keinen Abend. Was wiederum ein zentrales Thema der Scheibe tangierte: Insomnia („Sleepless“). Wenn indes bei „Blur“ erlesene Shoegaze-Anleihen das - in der Antizipation eines Tom Waits auf Entzug - geerdete Fundament erschüttern, entsteht ein Wachtraum, an dessen Showdown sich Drawing Circles mit Daughter duellieren. Wer also ein Album als prägende Erfahrung samt physischer Präsenz zu dulden imstande ist, sollte sofort zugreifen. Wer jedoch an Flugangst leidet und es riskiert, irgendwann unwissentlich - und von falschen Freunden entführt - in 10.000 Metern Höhe aus einem wirren Traum zu erwachen, darf sich nicht wundern, wenn er erst dann „Sinister Shores“ vernimmt. Irgendwann erwischt es jeden.
Stephan Wolf

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 05/2016.
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