Swans
„To Be Kind“
(Mute Records/GoodToGo)
Das hätten sich Swans sicher nicht träumen lassen, als sie um 1982 herum quälend langsamen Noise-Rock voller Entbeinungsphantasien erfanden: 30 Jahre später waren sie mit dem monolithischen Doppelalbum „The Seer“ wieder in aller Munde und wurden zeitweise sogar zum Gegenstand einer Hipster-Debatte. Geradezu absurd für eine Band, die Zeit ihres Bestehens meist dahin ging, wo es wehtut, und allenfalls in ihrer Mittelphase so etwas wie Versöhnlichkeit ausstrahlte. „The Seer“ fasste dann sämtliche Inkarnationen der New Yorker so stichhaltig und begeisternd zusammen, dass man glaubte, da könne eigentlich nichts mehr kommen. Weit gefehlt: „To Be Kind“ macht nach relativ kurzer Atempause genau da weiter. Auf zwei CDs mit zwei Stunden Spielzeit, die so ziemlich alles auf links ziehen, wofür Swans je standen: Magengruben-Lärm, Drone-Instrumentals, Torch-Songs und psychotischen Freak-Folk. Das Herzstück von „To Be Kind“ heißt „Bring The Sun / Toussaint L’Ouverture“ und vereint in über 30 Minuten vernichtendes Stakkato-Getöse mit rhythmischem Sägen, Pferdegewieher und dem heiligen Ernst von Michael Giras pastoralem Organ – eine erschütternde Klanginstallation, die sogar das klaustrophobische „The Seer“-Titelstück übertrifft. Davor und danach fällt alles an seinen Platz: die Akustikminiatur „Some Things We Do“, das knirschend perkussive „A Little God In Our Hands“ und das unheilvoll malmende „Just A Little Boy“, das zudem den frühen Brecher „Blind Love“ zitiert. Und so gibt es eigentlich nur eine Lesart für den Albumtitel: Seid nett zu Swans – wenn sie es zu Euch schon nicht sind.
Thomas Pilgrim
Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 05/2014.