Review

Artist: Mildreda

Titel: Realities

Jan Dewulf sticht dort hinein, worauf Haujobb (nach „Homes And Gardens“) einst keinen Bock mehr ‒ und Skinny Puppy ihren Faden willentlich verloren ‒ hatten („Last Rights“). Bringschuld hat der Flame indes kaum vorzuweisen, hielten sich doch seine bisherigen Veröffentlichungen im bevorzugt kopfnickend Gediegenen auf, so auch mit Your Life On Hold und anderen. Was einst war, wird nun ernst: Und ganz ohne Augenzwinkern spielen Franciso Tarrega (Gitarre), Tangerine Dream (Synths) und Troum (Scapes) mit hinein („Reality Check: Like A Song“); dass daraufhin eine Hommage an frühe Front Line Assembly und Delerium folgt („Whispers In The Night Sky“), ist bedeutend mehr als pures Kunsthandwerk. Womit gerade mal zwei von 18 (!) Tracks angedeutet wären, so auch Jan Dewulf die belgischen Insekt als eine maßgebliche Quelle für seine ausufernden Küstenverläufe ausweist. Kann er gerne haben, es sei ihm zugestanden, da und wenn und weil er ein paar Minuten später schon Trap-Hardcore auf Aggrotech prallen lässt, wie auf Kissen butterweich geschürt. Tja, meine Damen und Herren, hier ist jemand unterwegs, der mal eben rund 40 Jahre musikalischer Indoktrination ins Abseits grätschen lässt. Sein Ding dreht, wer dreht mit? Spitzfindig die Malesten des Home-Recordings paraphrasierend, Spoken-Word-Elemente verdrehend, Stimmung aufs Ganze setzend, Schwankungen als Teil gutmütiger Verwahrlosung eingepreist. „Realities“ birgt keinen Hit, kein Schielen auf den Floor und ist doch so dermaßen zwingend, dass der Parnas(s) vom Glauben abfällt. Dass „Realities“ dem Plural verfallen (und eben nicht nur eine einzig wahre Realität zur Brandmauer machen), labert jene Folianten zu Brei, die Kerzen nach Zahlen gießen. Superlative bleiben im Kerker, allein das Klavier gegen Ende dieser töricht guten Geisterbahn mag sämtlichen Leeren eine kleine Lehre erteilen. „Realities“ geschehen, sonst nichts. Und wenn dann Johan van Roy (im Ansatz) noch Till Lindemann gibt, verbleibt der Umlaut von „Gotterfall“ verbleibt in der Unnerbutze, es mag kein brauner Streifen hinterlassen werden. Dark Electro plus X – es lebt!

Stephan Wolf

 

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