Review
Artist: MALE OR FEMALE
Titel: ...Recalled Moments + "And Failed Destruction" (EPCD)
- Artist: MALE OR FEMALE
- Label/Vetrieb: Alfa Matrix, EFA
Während bis vor wenigen Jahren die Ankündigung einer Veröffentlichung irgendeines Front 242-Ablegers mit kollektiver Spannung erwartet und dann mit Lobeshymnen bedeckt wurde, provoziert dies heute zum Teil schon müdes Gähnen oder ungewissen Respekt vor dem, was kommt, und immer häufiger auch Kopfschütteln über das Resultat. Zudem verhärtet sich der Verdacht, daß die EBM-Legende ihr lange angekündigtes Comeback immer wieder verschiebt, weil man sich entweder nicht über eine für alle akzeptable musikalische Richtung einigen kann oder Angst davor hat, mit einem weiteren ungeliebten Experiment von seinem Kultstatus einzubüßen- ein Prozeß, der im übrigen schon angelaufen ist und möglicherweise bald konkrete Formen annehmen wird. Man muß sich die gegenwärtige Situation noch einmal verdeutlichen: Es ist tatsächlich neun Jahre her, daß die beiden fast zeitgleich erschienenen und letzten Alben mit neuem Material, „(Fuck) Up Evil“ und „(Evil) Off“ die EBM-Nation spalteten, aus heutiger Sicht betrachtet im positiven Sinne: Nach „Up Evil“ zog die Gitarre bald in das Soundbild vieler sonst strikt elektronischer Bands ein und „Off“ kombinierte perfekt Industrial und Techno, wie es gegenwärtig nur wenig modifiziert von anderen Acts praktiziert wird, sogar erstmalig mit weiblichen Vocals versehen. Auch wenn an den Erfolg des Vorgängers „Tyranny For You“ nicht angeknüpft werden konnte, Front 242 behielten ihr Gesicht und galten lange Zeit als Trendsetter. Ohne Frage war dies jedoch noch immer Musik, mit der sich auch ein Großteil der Fans arrangieren konnte und neue Hörer gewonnen wurden. Eine Eigenschaft, die vor allem den jüngsten Outputs aus dem 242-Umfeld abhanden gekommen zu sein scheint. Und wenn von Labels und Projekten prinzipiell mit dem Etikett „Front 242 Sideproject“ geworben wurde, blieb das Bemessen an manifestierten Standards nicht aus. Aus Begeisterung wurde oft nur noch Wohlwollen oder im Extremfall Abneigung. Doch es gibt noch eine zweite Betrachtungsweise, nämlich die aufgeschlossene, unvoreingenommene und die Bandgeschichte ausklammernde, und wenn man diese Meßlatte anlegt, hat man es bei vorliegendem Album nebst EP mit grenzüberschreitender, modernster elektronischer Experimentierfreude, einer „Entfaltung der Sinne“ zu tun, bei deren Entstehung die Herren Bresanutti und Codenys die Unterstützung eines gewissen Elko Blijweert hatten. Alle etablierten Formen elektronischer Musik scheinen hier bedeutungslos zu sein, ein unkonventioneller Stilmix mit Rudimenten aus Electro, Ambient, Goa und nicht klassifizierbaren Soundskulpturen, Techno- und sogar Country- oder Rockfragmenten fanden Verwendung in Tracks ohne direkt einsehbare Songstrukturen. Dazu kommt offensichtliche Improvisation in Echtzeit, was der Laie, wenn man das so sagen kann, vielleicht mit „Geschraube“ oder „Knöpfchen drehen“ beschreiben würde, letztendlich jedoch schlichte Filtereffekte darstellt. Einige Songs verfügen sogar über endlich mal wieder eingesetzte Vocals, gesprochen oder geflüstert. Einen echten Rhythmus hat nicht jeder Track, da viele nur aus getragenen Scapes und Samples bestehen, wenn doch, knüppeln kraftvoll unruhige, gebrochene Drum ’n Bass oder Big Beat-Rhythmen wie sie von Front 242 schon bei deren letzten Konzerten benutzt wurden und die auch mal ganz schnell den Takt wechseln oder die Geschwindigkeit nach oben oder unten korrigieren. Einige Leistungssportler mit ausgeprägtem Taktgefühl mögen sich dazu vielleicht noch ansehnlich bewegen können, allen anderen wird es schon schwer fallen, mit den Händen dazu passend auf eine Tischplatte zu trommeln. Fazit: Unbestritten vielfältiger Sound, mit Köpfchen arrangiert und fit für die Zukunft, jedoch keinesfalls Easy listening music. Am ehesten für Fans von nicht vollständig wirren Basteleien aus Richtung Autechre, Aphex Twin oder auch Download, nichts für Leute, die wegen der Namen hinter den Reglern irgend etwas erwarten, denn es kommt garantiert anders.
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