Review

Artist: LADYTRON

Titel: Paradises

Mit „Paradises” legen Ladytron ein Album vor, das ihre eigene Geschichte nicht verwaltet, sondern in Bewegung setzt. 19 Stücke, deutlich beatbetonter als der Vorgänger „Time’s Arrow,” aber ohne die kühle Eleganz und Melancholie aufzugeben, die das Trio seit den frühen 2000ern prägt. Der Einstieg „I Believe In You“ funktioniert als weicher Sog: ein kreisender Puls, darüber eine Melodie, die Zuversicht und Unruhe zugleich andeutet – genau jener „Vorspann“, von dem Daniel Hunt spricht, wenn er den Song als „Prelude zum Album“ beschreibt. Es ist bezeichnend, dass gerade das zuletzt geschriebene Stück den Ton setzt: Das Unterbewusstsein, das sich „weigert zu kooperieren“, öffnet hier die Tür zu einem Zyklus, der intuitiver wirkt als vieles zuvor.„Kingdom Undersea“ zeigt Ladytron in ihrem vielleicht klassischsten Modus: treibende Maschine, balearischer Piano-Haken, dazu der Wechselgesang von Helen Marnie und Hunt, der wie eine verschlüsselte Seekarte durch eine versunkene Stadt wirkt. Spätestens mit „A Death In London“ wird klar, warum die Band das Album als „Balearic Noir“ umkreist: ein schleichender Groove, marimbaartige Figuren, Hitze, Asphalt, eine Großstadt, in der Gefühle eher flimmern als klar benannt werden. Im weiteren Verlauf spannt Paradises ein breites Spektrum auf. „I See Red“ setzt auf kantige Direktheit, „Caught in the Blink Of An Eye“ und „Evergreen“ auf jene Art gleitender Hooklines, die sich erst unauffällig anschmiegen und dann hängenbleiben. Produziert von Hunt und gemischt von Langzeitpartner Jim Abbiss, klingt das Album gleichzeitig kompakt und detailverliebt: warme, tiefe Bässe, klar gezeichnete Höhen, Stimmen, die nah herangeholt werden, ohne ihre Distanz komplett aufzugeben. Die Dance-DNA der Band tritt deutlicher hervor als seit „Light & Magic“, doch „Paradises“ wirkt nie wie ein Retro-Manöver, eher wie die späte Einlösung eines Versprechens, das immer schon im Hintergrund vorhanden war. Ein hell leuchtendes, stellenweise erstaunlich verspieltes Album, das die Band als gegenwärtige Größe zeigt – und nicht als Fußnote der Nullerjahre.

Karo Kratochwil

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