Review
Artist: Combichrist
Titel: The Venom In The Mouth Of God
- Artist: Combichrist
- Label/Vetrieb: Out of Line
Schon nach dem ersten Durchlauf wird klar: Beim 2024er-Album „CMBCRST“ handelte es sich nicht nur um ein Zwischenhoch im Schaffen des Andy LaPlegua. Denn mindestens so überzeugend wie seine dortige, lustvolle Auseinandersetzung mit dem Splattergoth-Trash der Jugendzeit, erweist sich „The Venom In The Mouth Of God“ als ein Album mit ungeahnt ernsthaftem Tiefgang, der sich sowohl musikalisch als auch inhaltlich durch die 13 neuen Tracks zieht. Widmen wir uns an dieser Stelle den klanglichen Dimensionen, mit denen dieser Longplayer gewiss nicht geizt. Der Durchschlagskraft Marke „Stampfer“ wird Genüge getan, ihre Mechanik jedoch mit Finten versehen, die den Spaß an der Sache nur mehren. Steigt „ODR“ noch konventionell ein, ergibt sich bereits bei „Desolation“ ein einfühlsam (!) verschränktes Wechselspiel aus Icon-Of-Coil-Spirit und Industrial-Rock-Appeal der gehobenen Reformschule. Und so setzt sich das subtile Spiel mit alten Versatzstücken und neuen Verlinkungen immer weiter fort, sodass selbst ein vermeintlich einfältig gestrickter Smash wie „Each Scar A Vision“ seine Thesen und Temperamente wie im Sielwolf absaugt und verwirbelt. „Only Here For A Good Time“ gestaltet mit sarkastischer Brillanz das Verbrühen im Lava-Bad, wo auch „RISE“ ‒ mit seinen die Agitation fies sabotierenden Untertönen ‒ zu plantschen beliebt. Auch der „S.T.F.U.“-Rapper hypostasiert seine eigenen Ansprüche: Wer leicht reden hat, dem fällt das Handeln schwer. Doch zum Liebling avanciert „Demons Wanna Be Summoned“, dem Merger mit King 810. Wer nicht hören will, dass hier (vollkommen wider Erwarten) Erinnerungen an Diary Of Dreams („Chemicals“) aufkommen, der muss es fühlen! Noch mehr Anspieltipps? „The Future Is A Memory“ als sich dramatisch steigernde EDM-Elegie. „The Second Ending (We Have Been Here Before)“ ‒ (nicht nur) für VNV Nation-Fans. Dieses Album erweitert Horizonte, variiert locker und führt Combichrist in ungeahnte Songwriting-Dimensionen. Nein, dieses göttliche Gift zielt nicht auf „härter, lauter, bässer“ ab (wenngleich sich der Einsatz hoher Volumina wie von selbst verstehen sollte). „Cleverer, smarter, riskanter“ trifft die Sache eher. Und Skeptiker sehen sich eines Besseren belehrt.
Stephan Wolf
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