Review

Artist: BOYD RICE EXPERIENCE / NON

Titel: Hatesville / "Might!"

Boyd Rice (Noise-Performer der ersten Stunde, bekennender Satanist und Schlagerfreund) hat wieder zugeschlagen, und diesmal gleich im Doppelpack: Auf „Hatesville“ begleiten ihn Shaun Partridge, Adam Parfrey und Jim Goad (Herausgeber des „Answer Me!“-Magazins), was die Vermutung nahelegt, daß dieses Werk eher als Fortsetzung des S.W.A.T.-Projektes denn als „Music, Martinis & Misanthrophy“-Teil II anzusehen ist. Und auch wenn sich diesmal keine Coverversionen bekannter Hits finden, zeigt sich die Boyd Rice Experience größtenteils von einer sehr zugänglichen Seite. Als Eckpfeiler fungieren diesmal Jazz, Easy Listening Music und das gesprochene Wort in seiner puren Form. Die bitterbösen Weisheiten (Wahrheitenü, die hier verbreitet werden, dürften nicht wenige entsetzen, aber auch einige Leute in ihrem Denken bestätigen. Natürlich stellt sich wieder einmal die Frage, ob man Boyd Rice und seine Ansichten ernst nehmen darf, soll oder muß. Aber letztlich spricht er (wenn auch sehr überspitzt) nur das aus, was viele Leute im Geheimen denken, aber nicht zu sagen wagen. Ob „Hatesville“ nun satirisch, zynisch, menschenverachtend, genial, zu verdammen oder alles zugleich ist, muß jeder für sich entscheiden, aber auf alle Fälle zeigt es wieder einmal, daß Boyd Rice sich selber weitaus weniger ernst nimmt, als es Außenstehende tun. Sein eher ungezwungenes Verhältnis zum Sozial-Darwinismus, welches durchaus einer genaueren Diskussion würdig wäre, zeigt sich auf dem neuen NON-Album. Sämtliche Lyrics entstammen der Feder Ragnar Redbeards, dessen Geist bereits auf anderen Veröffentlichungen zu spüren war. Da die NON-typischen Noise-Loops heute, gut 20 Jahre nach ihren ersten Einsätzen, durch Gewöhnung respektive Abstumpfung der Hörer einen Großteil ihrer Kraft verloren haben, verläßt sich Herr Rice nunmehr stärker auf die Kraft seiner Stimme. Dazu schreit im Stück „Deletion“ eine Frau sich derart realistisch die Seele aus dem Leib, daß man mehrmals versucht ist, die Quelle der Schreie nicht in der HiFi-Anlage, sondern in der nachbarlichen Wohnung zu suchen. Mit „Credo“ findet sich dann auch seit längerem mal wieder ein potentieller Klassiker, bei dem Boyds gedoppelte Stimme über Tribal-Drums gelegt wurde.

Veröffentlicht: 1995

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