CD-Rezension / Review / Kritik

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day wave headcase hard to read

Day Wave
„Headcase / Hard To Read“
(Fat Possum/PIAS/Rough Trade)
Zum Frühstück ein Nutellabrot und abends das eine oder andere Bier – eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Für Justin Phillips sah das nach Einnahme eines Antibiotikums anders aus: Aufgrund einer Wechselwirkung vertrug der Mann aus Oakland plötzlich keinen Zucker und keinen Alkohol mehr. Da hilft nur Musik, sodass sich Phillips darauf verlegte, in den eigenen vier Wänden unter dem Alias Day Wave zwei EPs zu produzieren, die nun auf einem Tonträger vorliegen. Seine Songs sind kleine, die eigene Unzulänglichkeit verhandelnde Indie-Pop-Liebhabereien, die in puncto Grundgefühl nicht weit von Will Toledos LoFi-Projekt Car Seat Headrest entfernt sind, auch wenn Phillips (noch) keinen Herzreißer wie „Maud Gone“ im Gepäck hat. Dafür enthält „Headcase / Hard To Read“ viele detailfreudige Mini-Hymnen, die von Außenseitertum und selbstgewählter Isolation erzählen und sich statt an Neunziger-Grunge am nur vordergründig fröhlichen Surf-Rock von The Drums und zuweilen auch an Joy Division orientieren. Phillips stibitzt für „Total Zombie“ nämlich listig das Riff aus „Disorder“ und reichert „Hard To Read“ mit Spurenelementen von „Ceremony“ an. Und allen, die es für unmöglich halten, dass man sowohl die Beach Boys als auch Ian Curtis und Konsorten lieben kann, zeigen die zehn Songs, wie das geht. Hoffen wir also für Phillips, dass er gesundheitlich wieder in der Lage ist, diese tolle Doppel-EP gebührend zu begießen. Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 04/2016.


Monday the 16th.
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