CD-Rezension / Review / Kritik

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trust joyland

Trust
„Joyland“
(Arts & Crafts/Rough Trade)
Dass man ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen sollte, dürfte landläufig bekannt sein. Nächster Schritt: ein Album nicht nach dem Cover beurteilen. Groß war nämlich das Geschrei angesichts des Artworks des Trust-Debüts, das einen gruftig-derangierten Transvestiten zeigte. Kein Grund allerdings, den Tanzflächen erschütternden Electro-Pop und Cold Wave von „TRST“ nicht zu genießen. Der finstere Schwarzlicht-Chic von „Joyland“ dürfte für visuelle Ästheten nun leichter zu verknusen sein, und der Kanadier macht genau da weiter, wo er am Ende seines ersten Albums den Stecker zog. Und so wurzelt der Trust-Sound weiterhin tief in den achtziger Jahren, als Neonröhren noch der letzte Schrei waren und die bleichen Gestalten in entsprechend befunzelten Tanzlokalen ihre Habseligkeiten in Plastiktüten mit sich trugen. Robert Alfons alias Trust gewinnt den bestmöglichen Schluss aus seiner Vorliebe für das vielstrapazierte Jahrzehnt, lässt Synthies jaulen, schleift seinen androgynen Gesang über sämtliche Verzerrkanäle – achtet aber stets darauf, den Songs eine glasklare Produktion sowie extrem gesättigte Fettsäurebässe angedeihen zu lassen, mit denen man Gläser von den Tischen kippen könnte. Die Vorabsingle „Rescue, Mister“ heizt donnernd vor, mit dem hyperaktiven „Icabod“ gibt es einen legitimen „Bulbform“-Nachfolger, und „Peer Pressure“ nickt anerkennend EBM und gehobenem Future-Pop zu. Und wer bei diesem formidablen elektronischen Schwitzkasten immer noch darauf pocht, dass die Austra-Drummerin anfangs mal Trust-Mitglied war, hat vermutlich zu lang in die Neonröhre geguckt.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 04/2014.


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