CD-Rezension / Review / Kritik

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Reptil Throne Of Collapse CD Cover

Reptil „Throne Of Collapse“

(Razor Music/Soulfood)
Das Album beginnt mit wilden Industrial-Trommeleskapaden, in die sich bös schreiende Leadstimmen mischen, mit einer Orgie ungewöhnlicher Arrangementleere; langsam nur gesellen sich hohe Sequenzen und edel schwingende Layer, schließlich dreckige Gitarrenfiguren hinzu. Die Charakteristik der Vocals pendelt zwischen wütenden Industrial-Blüten wie Skinny Puppy, Marilyn Manson, 16 Volt oder Drown hin und her. Im weiteren Verlauf poltern die Drums wundersam sperrig um harte Gitarren-Einbrüche herum; das Klangbild erinnert zuweilen an frühe Skrew-Ästhetik, die immer wieder in laszive, etwas elektronischere Gefilde gleitet. Es fällt auf, dass die insgesamt unkonventionellen, experimentellen Songaufbauten in weiten Teilen des Albums Bestand haben. Mit allem wird einer Klangsprache gehuldigt, die in den frühen und mittleren Neunzigern ersonnen ward und die die Ausdrucksmöglichkeiten abgedrehten Zorns in ganz neue Formen goss. Inspirierend und niederwalzend! Überdies bleibt Raum für filmisch-balladeske Klangcollagen wie dem Streicher/Piano-Zwischenspiel „Irreversible“. Der Titeltrack punktet mit breiten Gitarrenakkorden, dramatischen Layern, einer gebrochenen, coolen Leadvox-Performance, einer unwiderstehlichen Half-Time-Ästhetik und einem Schuss dreckigem Glam. „One World One Nation“ kommt mit akustischen Gitarren und einem wie im halben Dämmerzustand erbrachtem, räudigen Gesang daher. Dann übernehmen wieder harte Stakkato-Gitarren-Riffs, wirbelnde Drums und ein überdrehtes 1995-Feeling das Kommando, bevor mit „Beyond“ ein skurril-fragiler Abschluss gefunden wird.

Kym Gnuch

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 05/2017.
Saturday the 21st.
2017 Sonic Seducer Magazin

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