CD-Rezension / Review / Kritik

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Mick Harvey Intoxicated Women CD Cover

Mick Harvey „Intoxicated Women“

(Mute/GoodToGo)
Drei Alben hat Mick Harvey bereits mit Songs von Serge Gainsbourg gefüllt. Als er sein Gainsbourg-Projekt Mitte der Neunziger mit „Intoxicated Man“ und „Pink Elephants“ startete, übersetzte Harvey die Lieder vom Französischen ins Englische und gab gelegentlich einen kleinen Gitarrenpep mit auf den Weg. Doch vor allem verneigte er sich ganz tief vor dem Kult-Chansonnier. Zwanzig Jahre war danach Sendepause, Harvey ackerte auf anderen Baustellen, bis er 2015 zu Gainsbourg zurückfand. Mit „Delirium Tremens“ arbeitete er sich am Spätwerk ab, nun folgt mit „Intoxicated Women“ ein Album voller Duette. Streicher, Gitarren und bewusst cheesy gehaltene Wurlitzer-Akzente sind das Fundament, auf dem die verschiedenen Gesangsfarben ruhen. Der große Hit „Je T’Aime“ eröffnet das Album. Wo im Original Jane Birkin stöhnte und in der ersten Bearbeitung aus den Neunzigern Nick Cave mit Anita Lane, befummeln sich diesmal Andrea Schröder und Mick Harvey musikalisch – auf Deutsch! Harvey hat sich aber nicht nur die Hit-Duette geschnappt, sondern tief im Gainsbourg-Archiv gewühlt und mit „The Drowned One“ oder „Wolfy Teeth“ Songs zutage gefördert, die nur live im TV gespielt wurden. Was Harvey besonders gut gelingt, ist, die Stimmung vieler Songs dezent zu modifizieren. „Lost Loves“ und „Striptease“ klingen deutlich düsterer als bei Gainsbourg, während „The Homely Ones“ mit seiner Leichtigkeit an Nouvelle Vague erinnert, durch deren Sound ohnehin der Geist Gainsbourgs weht. Fast etwas wehmütig darf am Ende des Albums mit „Cargo Cult“ eine Träne kullern. Es war nicht nur bei Gainsbourg ein klassischer Schlusssong, es dürfte auch Harveys Abschied vom legendären Franzosen sein.
Torsten Schäfer

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 02/2017.
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