CD-Rezension / Review / Kritik

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Van Holzen Anomalie CD Cover

Van Holzen „Anomalie”

(Warner)
Dass Van Holzen auf ihrem Debüt, pardon, holzen würden, deutete sich schon vergangenen Sommer auf der selbstbetitelten ersten EP an: Songs wie „Nackt“, „Scheintot“ oder „Wüste“ machten ordentlich Dampf, sammelten sowohl große internationale Vorbilder wie Queens Of The Stone Age oder Deftones als auch die deutschsprachigen Kollegen Heisskalt oder Fjørt ein und verkochten alles zu einem kräftigen Sud aus wilder Gitarrenheizung und rotierenden Bass-Schlagzeug-Grooves. Der erste Longplayer des Ulmer Trios geht noch einen Schritt weiter, favorisiert nicht ausschließlich rabiate Brecher und polternde Härte, sondern hält auch ein ums andere Mal inne, um nach links und rechts zu schauen. Natürlich stellt die Single „Herr der Welt“ zu Anfang zunächst einmal klar, dass mit Van Holzen auch auf Albumlänge in puncto Brachialität nicht zu spaßen ist: Die Gitarre knirscht aggressiv im Gebälk und der Bass sendet seismographisch bedenkliche Druckwellen aus, während Sänger Kiesling zum mehr oder weniger zivilen Ungehorsam gegen unliebsame Obrigkeiten und Existenzen aufruft, die friedliebenden Menschen mit reinem Gewissen das Leben schwer machen. Dabei können die drei in Stücken wie im düster brütenden „Karneval“ oder dem Kriecher „Hyäne“ auch mal das Tempo drosseln, ohne an Intensität einzubüßen – wohl wissend, dass bei „Jagd“ oder „Keine Zeit“ noch genug Stakkato und unsanfte Verzerrungen warten, um dieses überzeugende Debüt dank Schmackes und Tiefenschärfe zu einem donnernden Alternative Rock-Highlight des Frühjahrs zu machen. Nicht normal, sondern super.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 03/2017.