CD-Rezension / Review / Kritik

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Dog In The Snow Consume Me CD Cover

Dog In The Snow „Consume Me“

(Battle Worldwide/Soulfood)
Das ist schön: Gerade überlegt man, ob der eigenartige Geburtsverweigerungspopsong „Child“ bissig genug umgesetzt ist, da fängt Helen Ganya Brown an, wiederholt zu skandieren: „Fuck your TV family“. Es ist der Sarkasmus der Frau hinter Dog In The Snow, der dieses um minimalistische Retro-Synthsounds herum gestrickte Album so liebenswert macht. Dass die Songs abgründig sind, schließt eine spröde Schönheit nicht aus. „Face Me“ ist geradezu zart. Das Verhängnis aber lauert immer in unmittelbarer Nähe. Der Hund im Schnee ist eben kein süßer Wauzi zum Durchknuddeln. Helen Brown hat ihn dem Schlusssatz von Franz Kafkas „Der Prozess“ entlehnt. Dass der Name des Projekts auf den ersten Blick irgendwie niedlich wirkt, ist durchaus beabsichtigt. Verunsicherung auslösen, Gewissheiten aufbrechen und gleichzeitig nach einem zuverlässigen Halt suchen – diese Impulse durchziehen alle Stücke auf dem Debüt der Musikerin aus Brighton. In England geboren und in Singapur aufgewachsen, weiß sie, was es bedeutet, der eigenen Identität nachzuspüren. Der Blick hinter die Fassade ihrer vermeintlich so einfachen Songkollektion lohnt. Wer sich die Zeit nimmt, genau hinzuhören, dem erschließt sich auf „Consume Me“ das Gefühlsleben einer Frau, die es versteht, mit der Welt zu hadern, ohne sich abgedroschener Protestformeln zu bedienen. Dog In The Snow sollte man nicht konsumieren, sondern inhalieren und in seiner ganzen Vielschichtigkeit genießen.
Christoph Kutzer

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 11/2017.
Thursday the 17th.
2017 Sonic Seducer Magazin

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