CD-Rezension / Review / Kritik

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borghesia and man created god

Borghesia
„And Man Created God“
(Metropolis Records/Soulfood)
Womöglich dröhnt es Laibach heute noch in den Ohren: ‚Wir sind kein Teil der Neuen Slowenischen Kunst und nicht an nationalen Traumata interessiert!’ So wies Aldo Ivancic Ende der achtziger Jahre lautstark sämtliche Versuche zurück, seine Band Borghesia krampfhaft mit den Nachbarn aus Ljubljana in Verbindung zu bringen. Im Gegensatz zu Laibach tauchten Borghesia Mitte der Neunziger jedoch unter und erschienen erst 2009 wieder allmählich auf der Bildfläche. In der Zwischenzeit hat sich musikalisch wie weltpolitisch viel getan – und plötzlich scheinen beide Gruppen mehr oder weniger den gleichen Ansatz zu verfolgen. Genau wie Laibach auf „Spectre“ rufen auch Borghesia auf ihrem Comebackalbum zur Revolution und wettern gegen NSA-Lauschangriffe, Konsumwahn und die allgegenwärtige Macht des Geldes. Ausrasiert-rigiden Electro nach Art des Frühwerks „No Hope No Fear“ sollte man auf „And Man Created God“ indes nicht erwarten – Ivancic und sein Sozius Dario Seraval erweisen sich eher als edle musikalische Wilde und setzen auf bombastische Chorarrangements, grummelnd heruntergestimmten, elektrifizierten Swamp-Rock und im hämisch ätzenden „Kaufen macht frei – Buy Baby Buy“ sogar auf Hawaii-Gitarren. Polternde Sequenzen oder die überfallartigen Breakbeats von „Too Much Is Not Enough“ sind die Ausnahme – da dürfte der eine oder andere EBM-Hardliner ähnlich auf die Barrikaden gehen wie Borghesia angesichts der globalen Missstände. Alle anderen staunen Bauklötze ob der bizarren Stilvielfalt dieses schwer zu überhörenden Albums.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 06/2014.