CD-Rezension / Review / Kritik

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All Them Witches Sleeping Through The War CD Cover

All Them Witches „Sleeping Through The War“

(Pias Uk/New West Records/Rough Trade)
Sollte jemand dringend nach einem überzeugenden Crossover zwischen der Psychedelik von „Sgt. Pepper“ und der derben Scheißegal-Breitseite der sperrigeren Nirvana-Songs suchen, könnte diese Band aus Nashville die Lösung sein. Zumindest „Don’t Bring Me Coffee“ kann seinen Seattle-Einfluss nicht verleugnen. Neben dem souverän treibenden „Bruce Lee“ ist das Arsenal an offensichtlichen Hits damit aber auch schon erschöpft. Was nicht heißt, dass die übrigen sechs Stücke nicht hörenswert sind. Sie verlangen nur nach einem ganzen Stück mehr Aufmerksamkeit. Schon der Opener „Bulls“ setzt eher auf die Gabe des Hörers, sich fallen zu lassen und der Musik hinzugeben. Dann wird die fast siebenminütige Nummer zum Trip an einen Strand irgendwo am Rande des Universums, wo die Touristen darüber sinnieren, ob das Lachen der Delphine wohl eher munter oder hämisch zu verstehen ist, ehe das große Rock’n’Roll-Feuerwerk detoniert. Dabei sind All Them Witches eigentlich Blueser, wie das ausladende „Guess I’ll Go Live On The Internet“ beweist. Das Gitarrensolo lässt ebenso wenig Fragen offen wie die Mundharmonika. Freilich ist das Ding meilenweit entfernt von hausbackenem Feierabendgejammer. Die Band hat Klasse und die Eier, ihre eigenen, sorgsam entrollten Welten mit ein paar beherzt verzerrten Akkorden zu sprengen („Alabaster“). Diese Allianz aus Coolness und Weltschmerz, halluzinogenem Schweben und Erdigkeit ist sicher nicht jedermanns Sache. Wer sich einen gemeinsamen Abend mit Sigur Rós und Kyuss in der Eckkneipe vorstellen kann, sollte aber unbedingt ein Ohr riskieren.
Christoph Kutzer

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 03/2017.
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