CD-Rezension / Review / Kritik

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Seeming SOL A Self Banishment Ritual CD Cover

Seeming „SOL – A Self-Banishment Ritual”

(Artoffact/Cargo)
‚Will the world finally get the message / When I hide it in a pop song?’ fragt Alex Reed im Opener seines zweiten Albums unter dem Alias Seeming. Gut möglich – dazu müsste er jedoch erst mal anfangen, überhaupt Popsongs zu schreiben. Denn die Stücke auf „SOL – A Self-Banishment Ritual“ sind so komplex, filigran arrangiert und schwer zu verorten, dass ihnen mit handelsüblichen Stilbezeichnungen schwerlich beizukommen ist. Konnte man Reeds letzte Band ThouShaltNot noch notdürftig in die Synthie-Pop-Ecke packen, macht der New Yorker mit Seeming nun ein Fass nach dem anderen auf –  hinaus quillen unter anderem kraftvolle Percussions in „The Unspeaking“, fein arrangierte Streicher und funky Gitarrenlicks bei „Zookeeper“ sowie gleich mehrere martialische Märsche durch die Industrial-Institutionen wie das tollwütige „Feral“ oder das vom verstorbenen Coil-Sänger John Balance inspirierte Gepolter „If I Were You“. Dabei hat dieses nervös zwischen Electro, atonalem Gothic und verzerrtem Post-Punk oszillierende Album seine Vielfalt auch den beteiligten Musikern zu verdanken: Am Mischpult schraubte Daniel Myer von Haujobb. mit, als Gäste fungieren die HipHop-Powerfrau Sammus und der japanische Noise-Fachmann Masami Akita alias Merzbow, dank dem aus dem zehnminütigen „At The Road’s End“ ein geräuschiger Monolith wird. Und schon machen diese spannungsgeladenen, nie festzunagelnden 60 Minuten auch ohne Popsongs genug Eindruck.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 10/2017.