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einstuerzende neubauten greatest hits

Einstürzende Neubauten „Greatest Hits“

(Potomak/Indigo)
Vom subkulturellen Underground in das Feuilleton in wenigen Jahren: Einstürzende Neubauten ist gelungen, was nur wenige Bands schaffen. Als Klang-Dekonstruktivisten improvisierten sie ab 1980 im brodelnden Punk-Umfeld Berlins, zerbröselten mit Hämmern, Blech und Fässern die Hörgewohnheiten. Der Eindruck, den sie hinterließen, war gewaltig, doch Krach war nicht alles. Ab den Neunzigern setzte bei den Neubauten eine Entwicklung ein, die ihren Sound vom Lärm zu abstrakten Wechselbädern aus lauten Eruptionen und Stille wandelte. Das gefiel nicht allen Bandmitgliedern, doch Blixa Bargeld setzte sich durch und die Kritiker gingen. Die Hinwendung zur Stille und Zwischentönen war jedoch eine richtige Entscheidung, die mit „Silence Is Sexy“ den ersten Höhepunkt erreichte. Die bildgewaltige, teils dadaesk-surreale Lyrik rückte immer mehr in den Mittelpunkt, doch vergaßen Einstürzende Neubauten nie die Klangexperimente. Dass diese anspruchsvolle Mischung so erfolgreich war, grenzt an ein Wunder. Nicht nur, weil der Mainstream weit entfernt lag, sondern vor allem in Anbetracht von Zeiten, die von Jahr zu Jahr trivialer wurden und dem Einfachen den Vorzug gaben. Was kann man aber vor diesem Hintergrund erwarten, wenn die Neubauten mit ironischem Augenzwinkern ihre „Greatest Hits“ zusammenstellen? Nicht mehr als ein fantastisches Album voller Perlen, das mit „Sabrina“, „Die Befindlichkeit des Landes“ oder „Nagorny Karabach“ den Schwerpunkt auf die Schaffensphase der Nuller-Jahre legt. Bekannte Lieder, aber sehr gut remastert und ergänzt um eine neue Version von „Haus der Lüge“ mit Streichern und Bläsern. Vom Krach der frühen Tage ist bei den „Greatest Hits“ nichts zu hören. Vielleicht konnten selbst die Neubauten die dekonstruierten Soundbrösel nicht mehr ins Ganze einfügen.
Torsten Schäfer

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