CD-Rezension / Review / Kritik

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ben frost aurora

Ben Frost
„A U R O R A“
(Mute Records/GoodToGo)
Es pumpt, es brodelt gurgelnd, es knirscht, kreischt und kracht, irgendein Scheiß-Herz pumpt: „A U R O R A” (ein Akronym?), der schlicht ergreifende Neuling des australischen Lärmpoeten Ben Frost. Im Ostkongo (!) konzipiert, in Reykjavík umgesetzt, entwickelt dieses Meisterwerk vom ersten fiesen Sound an (der Titel sägt alles: „Flex“) eine überwältigende Dichte, erschlagend und befreiend zugleich. Es müssen schon die allerbesten Alben aus der Historie des Industrial herhalten, um der Qualität von „A U R O R A“ gerecht zu werden: „Leichenschrei“ von SPK oder Lou Reeds „Metal Machine Music“; unterhalb dieses stilbildenden und millionenfach unerreichten Niveau macht es Ben Frost nicht! Hier versintert der Leib in Bruchteilen von Sekunden, nur um anschließend erneut aufzupilzen: Verseucht von gemeinhin alles zersetzender Energie, die bekanntlich kein Ende nimmt. Reine Synthetik frisst sich ins Organische, chemische Leuchtmittel („Diphenyl Oxalate“) erstrahlen aus den Kehlen abgetöteter Materie. Mit exaltierter Bildsprache allein lässt sich „A U R O R A“ allerdings nicht beikommen. Nein, es bedarf auch Nerven aus Stahlseide, um dieses Manifest des aufputschend Abgründigen auszuhalten. Falls in Guantánamo die Wirkung der bislang zu Folterzwecken eingesetzten Musik (u. a. Slipknot, Skinny Puppy) allmählich nachlassen sollte: Mit Ben Frosts Konglomerat schweißtreibender Magendreher gelingt jedes Geständnis im Handumdrehen. Todernste Haltung, ironiefreie Analyse einer sich mit aller Macht ins Verderben reißenden Welt. Ereignis des Monats! Inschallah!
Stephan Wolf

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 06/2014.

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